Ein Brief von Twenny


Liebe Frau Kerste,

morgen ist es schon einen ganzen Monat her, dass ich vom Tierarzt ein Spritzle bekommen habe und daraufhin ganz tief und fest eingeschlafen bin.
Ich muß Dir sagen, ich hatte ein wunderschönes Hundeleben bei meinen Leutchen - ich war einfach der Mittelpunkt, da Barbara, die Tochter ja schon  lange bevor ich gekommen bin, nach dem Studium woanders hingezogen ist. (Sie war trotzdem meine allerbeste Freundin, neben Papa und Mama Burgbacher).

Ich bin ja auch ganz schön alt geworden und war trotzdem noch jeden Tag hauptsächlich mit meinem Frauchen unterwegs. (Abends sind wir dann immer nochmal zu dritt zum gemeinsamen Abendspaziergang losgezogen).

Natürlich fiel es mir in den letzten Monaten immer schwerer - aber sollte ich deswegen die beiden alleine gehen lassen? Ich hätte doch sicher irgendetwas verpasst.

Ja und sonst lag ich viel in meinem Garten, beobachtete alles um mich herum und berichtete immer wieder meinem Frauchen, was da so alles los ist.

Am schönsten aber war es, wenn wir zusammen in die Ferien gefahren sind. Wenn ich nur schon hörte, dass Frauchen was von Autofahren und Schweiz sagte, gab es kein Halten mehr. Wenn dann gar noch irgendwelche Koffer oder große Taschen im Hausgang herumstanden, gab es absolut nichts mehr, was mich aufhalten konnte, und darum flitzte ich schon lange bevor das Auto beladen war raus und rein auf den Rücksitz.

Herrlich waren solche Ferien! Überall hin durfte ich mitgehen! Wunderschöne und auch lange Bergtouren haben wir miteinander unternommen und nie haben die mich "klein" gekriegt - vorher kam mein Frauchen auf dem Zahnfleisch daher, bevor ich schlapp machte. Kein Schneefeld, kein Bergbach, kein Bergsee oder Wassertrog (der für diese großen muhenden Viecher - vor denen ich, zugegeben, schon ein wenig Respekt hatte) war vor mir sicher!
Deswegen hatte mein Fraule auch immer den Verdacht, dass irgendwann bei meinen Ahnen mal eine Wasserratte dazwischen gepfuscht haben müsste, zumal ich nach solchen Bädern einem solchen Tier nicht ganz unähnlich war. Wie gesagt, viele viele tollen Wochen habe ich in meinem Hundeleben insgesamt in den Bergen erleben dürfen.

Natürlich gab es auch Erlebnisse, von denen ich lieber nicht soviel rede, da sie meinem Ruf als toller Hecht ein wenig Abbruch tun:
z.B. diese ekeligen Berggewitter...........!
Aber Fraule hatte da auch Schiss - darum habe ich ihr zuliebe eben auch welchen gehabt! Noch soooo viel könnte ich davon erzählen.
Ja, und diesen Sommer müssen meine "Beiden" halt ohne mich gehen. Sicher erzählen sie sich dann auf den Wanderungen: "weißt Du noch, wie Twenny ....... hier ......  da  ...... und überhaupt immer und überall ...."

Mein Fraule ist ja irrsinnig traurig und heult immer und immer wieder vor sich hin (auch jetzt natürlich). Sie hat wahnsinniges Heimweh nach mir.

Weißt Du, sie schafft nicht mehr und ist den ganzen Tag zu Hause. Papa geht ja noch ins Geschäft und er hat auch sonst noch andere Hobbys: er geht oft joggen und immer wieder auf Hochtouren, bei denen er mein Fraule nicht mitnehmen kann, da die nicht schwindelfrei ist und auch nicht mit Seil und Haken unterwegs sein möchte. Jetzt hat sie einfach zuviel Zeit - kein Hund will mehr Gassi gehen, kein Futterle muß sie richten, keine Bürste oder Kamm für die Fellpflege schwingen usw. usw....

Natürlich habe ich in meinem Hundeleben auch Dinge erlebt, die absolut nicht schön waren und teilweise ganz arg weh taten. Zum Beispiel wenn ich krank war. Das kam zwar nicht ganz so oft vor, aber mir und meinen Leutchen hat es gelangt. Mich hat mal vor vielen Jahren so eine blöde Zecke erwischt und mich mit dieser ekligen Borreliose angesteckt. Und bis endlich - endlich mal ein Tierarzt herausgefunden hatte, dass dies die Ursache meiner Krankheit war, bin ich fast schon tot gewesen.
Das war gar nicht toll - viele, viele Stunden, Tag und Nacht saß mein Fraule bei mir und hat versucht mir zu helfen. Ein anders Mal mußte ich sogar nach Karlsruhe in eine Tierklinik und wurde an der Schulter operiert. Meine Leutchen haben zwar immer zu mir gesagt, dass ich daran selber Schuld bin, aber was kann ich denn dafür, dass es hier bei uns zahme Eichhörnchen gibt, die nichts besseres wussten, als auf die Bäume zu springen, wenn sie mich nur sahen. Da musste ich doch versuchen hinterher zu springen!!!! Und so kam es, dass ich eben immer wieder diesen Versuch unternahm, um eben jedesmal aus für einen Hund doch recht erheblicher Höhe wieder auf den Boden unten anzukommen. Das hat meiner Schulter eben über die Jahre hinweg doch nicht gut getan. Nun ja, ist alles vorbei und vergessen.

Heute tut mir nichts mehr weh - nur mein Fraule, wenn ich sehe, wie traurig sie ist!

Sie kann einfach nicht ohne einen Vierbeiner leben. Keine Spaziergänge macht sie mehr, sitzt bloss noch zu Hause rum und werkelt im Garten vor sich hin. Deswegen hat sie auch bei Dir nach Adressen gefragt. Momentan ist nur noch die Schwierigkeit, mein Herrchen von der Notwendigkeit zu überzeugen, dass ich einen Nachfolger brauche. Er will nicht mehr so recht, da er meint unabhängiger zu sein, wenn er nicht auf einen Hund Rücksicht nehmen muß. Dabei konnte er all die Jahre, wie ich vorhin schon gesagt habe, seinen Hobbys nachgehen - mein Fraule war ja dann immer für mich da!
Aber ich denke, wenn er irgendwo mal einen lieben, kleinen Beardie gesehen und gestreichelt hat, dann braucht es auch bei ihm keinerlei Überzeugungskunst mehr, dann ist auch er wieder hin und weg!
Das wäre ja noch schöner, wenn wir das nicht hinkriegen!!

Also, liebe Frau Kerste, dies war nur ein ganz winziger Bericht aus meinem Bearded-Dasein bei Burgbacher's über mehr als 14 Jahre lang.

Schade, dass es vorbei ist! Aber aus meinem  und Deinem Hundehimmel heraus behalte ich sie ganz fest im Auge und denke nicht daran aus ihrer Erinnerung zu verschwinden!
Schade, dass wir uns nicht persönlich kennengelernt haben, wir hätten uns sicher auch gemocht

Tschüss


 
 

Dein Twenny


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