Die ersten 12 Wochen
> von Algusa's Emmy Emely <
Mein Eintritt ins Leben kündigte sich an und ich war damals schon entschlossen, es sollte eines nach meinem Geschmack werden.
Leicht machte ich es meiner Mutter nicht. Ich wollte mich noch nicht so richtig entscheiden ob ich jetzt schon wollte. Also guckte ich erst einmal zaghaft mit meiner Schnauze heraus und prüfte die Luft.
Nein danke. Ich zog mich gleich wieder in die sichere Wärme meiner Mutter zurück. "So geht das nicht", teilte mir die Stimme meiner Mutter mit und sie verschaffte sich im Garten erst einmal kräftig Bewegung. Und ich spürte, ich mußte diesen sicheren Ort verlassen. Alles Sträuben meinerseits half nicht, ich wurde einfach auf die Welt geschleudert.
Eine riesige Hand ergriff mich, und ich dachte das ist es also schon gewesen.
Das war aber Gott sei Dank ein Irrtum. Durch die Luft schwebte ich in eine schöne, warme Höhle und wurde dort sogleich von einer rauhen, warmen Zunge abgerieben. Alles quieken half nichts, ich wurde durchgerubbelt. Nichts wie weg, dachte ich und prallte voll auf eine große weiche Quelle, aus der mir warme Milch entgegen floß. Klasse, so habe ich es mir vorgestellt.
Prompt schlief ich ein. Als ich wach wurde wollte ich mich umsehen.
Pustekuchen, ich sah nichts.
Die Welt scheint dunkel zu sein, aber sie roch nach Milch und fühlte sich warm an. Ich spürte auch viel Bewegung um mich. Oft wurde ich von irgend welchen Pranken durch die Luft gehoben, sie waren sehr sanft und die Berührung mit ihnen war angenehm und nicht so naß, wie die warmen Zunge meiner Mutter, welche mich ständig abschleckte.
14 Tage lang führte ich ein paradiesisches Leben. Fressen, schlafen und sich einfach wohl fühlen. Meine Milchquelle erreichte ich durch kräftiges krabbeln immer sicherer. Und durch Treten mit meinen Vorderfüßen floß mir die Milch ins Maul.
Dann traf es mich wie ein Blitzschlag. Erst ein kleines, helles Licht, dann unendliche Helligkeit. Fest kniff ich meine Augen wieder zu.
Also, alles noch einmal und diesmal ganz langsam. Besser erst einmal mit einem Auge leicht blinzeln. Ok, es geht. Mein Gott, was ist das für ein Monster, Haare, nichts als Haare und riesengroß.
"Hallo, Kleine," sagte der Haarberg zu mir, "ich bin deine Mutter".
"Na sieht sie endlich", fragte eine zweite Stimme. Noch so ein Haarberg.
"Ich bin deine Oma". "Willkommen im Leben". Ein noch größerer, diesmal auch heller Haarberg kam näher, "was ist los ?" "Die Kleine kann sehen."
"Ach so".
Der Haarberg ging wieder. "Wer war das ?"
"Dein Onkel". "Was ist ein Onkel?" "Das kann dir egal sein". Meine Mutter war kurz angebunden.
Ich sah und das bedeutete für mich mehr als zu wissen was ein Onkel ist.
Jetzt kam auch noch ein Riese, der hatte keine Haare. Und der sprach und roch auch anders wie meine Mutter. Ah, dazu gehörten die Pranken die mich in die Luft hoben. Sah komisch aus der Nähe aus, roch aber gut. "Hallo Emmy", sagte die Stimme des Riesen. " Wie geht es Dir ?" Ich riß mein Maul auf und gähnte. Ist doch alles etwas viel auf einmal. Ich wurde wieder in den Korb zu meiner Mutter gesetzt und schlief mit tausend Fragen ein.
Als ich wach wurde, fraß ich erst einmal und dann ging es mit meinen Fragen los.
"Warum habt ihr alle so lange Haare und ich nicht ?"
"Weil wir Bearded-Collies sind", sagte meine Mutter.
"Was sind wir ?" "Bearded-Collies, und die ohne die langen Haare, die Großen mit nur zwei Beinen, das sind unsere Leute! " erklärte meine Mutter.
"Was ist ein Bearded-Collie ?" "Ein Hund, genau gesagt, ein Hütehund", kam es von meiner Mutter.
Scheint eine kluge Frau zu sein.
"Und was sind Leute ?"
"Nun die sind für uns sehr wichtig, die versorgen uns mit fast allem was wir brauchen. Essen, Wasser, bequemen Möbeln usw., man muß sie nur richtig erziehen, dann sind Leute sehr praktisch."
Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Und ich kam zu dem Entschluß ich muß zu den Leuten gehören, schrecklich,
also zu denen die arbeiten müssen. "Bin ich etwa Leute ?", fragte ich meine Mutter.
"Wieso ?"
"Na, ich habe keine langen Haare".
"Die wachsen dir doch erst noch, etwas Geduld mußt du schon haben", brummelte meine Mutter, "und jetzt schlaf mal wieder, sonst wächst du nicht".
Wie konnte ich jetzt schlafen, ich wollte doch wissen wie erzieht man Leute. Aber meine Mutter war schon verschwunden. Vielleicht erzieht sie gerade Leute. Ich muß sie unbedingt fragen, was erziehen ist. Wieso sagt meine Mutter ich sei ein Bearded-Collie. Die Leute sagen Emmy. Na ja, später.
Meine Mutter klärte mich dann auf. "Jeder hat hier einen Namen. Es ist von Vorteil, wenn du dir deinen gleich merkst. Also du heißt Emmy und bist meine Tochter. Ich heiße Chila und bin deine Mutter. Deine Oma heißt Gipsy und sie ist meine Mutter, dein Onkel, das ist mein Bruder, der heißt Aslac. Alles klar?"
"Nein" sagte ich, "was ist ein Bruder ?"
" Also du hast keine Geschwister, du bist ein Einzelkind, frag mich jetzt nicht warum, es ist so. Ich habe noch drei Schwestern und außer dem Aslac noch einen Bruder. Die wohnen nicht mehr hier. Ich habe sie auch schon einige Zeit nicht mehr gesehen.
"Warum wohnen die nicht mehr hier?" "Als wir noch klein waren", sagte meine Mutter, "kamen oft fremde Leute zu uns und die haben sie mitgenommen. Also paß auf dich auf, wenn fremde Leute kommen". Das habe ich mir gemerkt.
Meine Welt wurde immer größer, je älter ich wurde.
Was erziehen ist, lernte ich schnell.
Ich hätte nie gedacht, daß das so einfach ist. Meine Hundefamilie bekommt immer Futter in einer Schüssel, ich bekam es aber auf einem Tellerchen, und auch viel öfter als die Anderen. Also muß ich doch etwas besonderes sein. Lecker war das.
Meine Mutter hatte mir gesagt, ich solle nicht immer Leute zu meinen Versorgern sagen, sonder Frauchen und Herrchen. Nun, ich weiß bis heute noch nicht was das ist, aber sagen wir es halt.
Also Frauchen scheint die wichtigste von den Leuten zu sein. Sie bringt mir immer so tolle Sachen zum Fressen. Mag man das eine nicht, bringt sie gleich etwas anderes. Macht man eine Pfütze oder etwas anderes, räumt sie es weg. Hat man alles durcheinander gebracht und findet nichts mehr, kommt sie und räumt auf.
I
ch wuchs und wuchs, war also schon ein richtiger Hund. Ich konnte bellen und knurren, meinen Onkel in die Beine beißen, die ersten Zähne waren da, da bekam ich ein neues Wort immer öfter zu hören. "Pfui." Kaum hatte ich einen richtigen schönen großen See gemach, wurde dieser nicht einfach entfernt, nein, ich wurde mit diesem komischen Pfui-Ruf in den Garten befördert.
"Da kannst du deine Pfütze machen", sagte das Frauchen dazu.
Warum eigentlich, geht doch da wo ich gerade war genau so gut. Aber da war mein Frauchen stur.
Ich aber auch, denn Erziehung fängt bei Zeiten an.
Es sollte noch einige Zeit ins Land gehen ehe ich da nachgab.
Überhaupt, Frauchen hatte da schon komische Ideen.
Eines Tages schleppte sie mich einfach ohne meine Mutter in so ein stinkendes Ding. Sie sagte Auto dazu. Erst später sollte ich es schätzen lernen.
Aber im Moment war ich mir nicht so sicher, ob ich dieses Ding gut finden sollte.
Doch, es war nicht schlecht. Natürlich stieg ich gleich auf den Sitz neben meinen Frauchen.
"Runter da", sagte sie und setzte mich auf den Boden. Pustekuchen dachte ich und kletterte wieder auf den Sitz.
Drei oder viermal ging das so und am Schluß saß ich auf dem Sitz.
Aber nicht lange.
Die Reifen quiekten und ich wurde auf den Boden geworfen. "Siehste", sagte mein Frauchen, das kommt davon.
Sehen konnte ich da unten nichts, also wieder rauf auf den Sitz.
Doch jetzt hieß es aussteigen. Wir standen vor einem fremden großen Haus und gingen ein paar Stufen hinauf und waren in einem Zimmer voller Hunden, Katzen, Hasen und was weis ich noch für Viechern. Ich sah mich um und stellte sehr schnell fest, hier stimmt was nicht.
Die machten alle so einen bekümmerten Eindruck.
Keiner ließ sich zu einem Spielchen überreden.
Was sollte ich hier ?.
Ich erfuhr es schneller als mir lieb war.
"Na, da bist du ja", sagte ein Mann im weißen Kittel zu mir. "Bist ja ganz schön gewachsen".
Als ob wir uns kennen würden. Ich konnte mich nicht an ihn erinnern.
Frauchen schien ihn zu kennen. Er war eigentlich ganz nett, aber von einem richtigen Spiel hatte er auch keine Ahnung.
Er sah mir in die Ohren, Augen und wollte mir auch noch im Maul rumwühlen.
Aber nicht mit mir, in mein Maul steck kein fremder Mann ungestraft seine Finger.
"Na die Zähne sind kräftig", war der einzige Kommentar, den der Weißkittel von sich gab.
Von Frauchen bekam ich eine aufs Maul.
Das werde ich mir merken. Ich war so sauer, das ich nicht einmal mitbekam, das der mich auch noch gestochen hat.
Der soll seinen Hundekuchen behalten dachte ich, nichts wie raus und nach Hause.
"Na wie war's bei Tierarzt?" fragte meine Mutter.
"Vergiß es! ", war meine einzige Antwort, ich kletterte in meinen Korb und schlief erst einmal.
12 Wochen bis 1 Jahr
Mit jedem Tag lernte ich mehr. Wollte keiner mit mir spielen, brauchte man nur eine Socke oder einen Schuh, oder was man sonst so fand, zu schnappen und in den Garten zu schleppen.
Frauchen rannte dann immer hinter einem her. Sie schien auf solche Sachen zu stehen. Nicht ein einziges mal sagte sie ,' spiel doch alleine, ich habe keine Lust.'
Meine Hundefamilie konnte das. "Hau bloß ab mit diesem Mist, das gibt nur Ärger", sagten sie zu mir. Hatten die noch nicht bemerkt, wie toll Frauchen diese Spiele fand?
Bis zu drei Socken kann ich auf einmal in's Maul nehmen. Nur bellen konnte ich dann nicht. Aber das nahm ich in Kauf.
Frauchen freute sich immer so, wenn sie ihren Kram wieder hatte. Wenn ich ihr die Socken gab lobte sie mich immer was für ein braver Hund ich wäre.
"Wenigstens sind sie noch ganz", sagte sie immer, wenn sie ihre Sachen wiederhatte.
Ich wurde immer öfter an so eine komische Strippe genommen.
Leine sagte Frauchen dazu. Das Ding mag ich bis heute nicht. Nie kann man dahin laufen wo man will.
Gott sei Dank brauchen wir das Ding auch nicht oft. Frauchen sagt immer ich würde ohne Leine besser laufen als mit.
Sie wollte mir damit unbedingt einige Dinge beibringen die ein Hund braucht.
Solche Sachen wie bei Fuß gehen, Sitz machen und dableiben usw. Aber welcher Hund braucht in seinem Leben schon so unnütze Dinge.
Erstens wollt ich nie bei Fuß gehen, irgendwo bleiben und Sitz machen schon gar nicht.
Sollte Frauchen sich doch nach mir richten. Sie kann doch besser bei Fuß gehen als ich. Manchmal mache ich ihr die Freude, aber nicht oft.
Überhaupt ließ sich Frauchen besser erziehen als meine Hundefamilie, das habe ich sehr schnell gelernt, wenn die nein sagen, meinen die auch nein.
Gemerkt habe ich das gleich beim Fressen. Ganz am Anfang durfte ich aus allen Freßnäpfen fressen. Doch eines Tages brummte mich mein Onkel an. "Geh an deinen Napf, hau ab! "
Denkste, dachte ich und wollte meine Schnauze in seine Schüssel stecken.
Ups !, er packte mich im Nacken und schüttelte mich ordentlich durch.
Also trotte ich zu dem Napf meiner Mutter. "Verschwinde !" schnaufte sie und auch meine Oma meinte dasselbe. Daraus lernte ich ganz schnell "Nein heißt Nein".
Bei Frauchen bekam ich immer was. Ich mußte nur Geduld haben. Sie sagte zwar auch immer hau ab, aber wenn ich stur blieb, haute ich erst mit einem Bissen in meinen Maul ab. Herrchen und der Alexander (das ist die Welpe von meinen Menschen) waren da strenger oder einfach verfressener. Die geben nichts.
Frauchen ist in manchen Sachen sowieso ein Weichei. Leider kann sie aber auch sehr streng und stur sein. Deshalb ist sie - glaube ich - der Boss. Wenn sie zu uns Hunden sagt, das wird so gemacht, machen wir es meistens so, sonst bekommen wir bloß Ärger.
Und damit kommt man ganz gut durch's Leben.
Copyright 1999
Sabine Kerste